Dr. Wolf: „Mit arbeitsrechtlichen und tariflichen Regelungen der 70er Jahre ist Rennen um Industrie 4.0 nicht zu gewinnen“

REUTLINGEN – Die Metallarbeitgeber in Baden-Württemberg haben vereinte Anstrengungen von Politik und Tarifparteien gefordert, um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts zu sichern.

„Obwohl die Produktivität in unserer Industrie kaum noch wächst, steigen die Löhne kräftig, unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit verschlechtert sich – und die Politik verteilt weiter und reguliert und belastet die Unternehmen“, sagte der Südwestmetall-Vorsitzende Dr. Stefan Wolf in Anwesenheit von Ministerpräsident Winfried Kretschmann bei der Mitgliederversammlung des Verbands am Mittwoch in Reutlingen. Wolf verwies darauf, dass die Wirtschaft in Deutschland trotz Beschäftigungszuwächsen nur noch langsam wachse. Die höhere Wirtschaftsleistung sei auf mehr Arbeit und nicht mehr auf höhere Produktivität zurückzuführen: „Uns geht es also längst nicht mehr so gut, wie es den Anschein hat.“

Ministerpräsident Kretschmann betonte in seiner Rede: „Ich bin überzeugt, dass sich in den kommenden Jahren entscheiden wird, wer im Wettbewerb um die Wirtschaft und Unternehmen der Zukunft die Nase vorn hat: das Silicon Valley, das von der Software her kommt, oder wir, die von der Industrie her kommen.“ Dieser Wettkampf werde auch und gerade auf dem Spielfeld Baden-Württemberg ausgetragen. Kretschmann: „Wir haben mit Abstand den höchsten Industrieanteil in Deutschland und wir verfügen über einige der innovativsten Industrieunternehmen weltweit, gerade auch im Mittelstand. Wenn wir jetzt in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, in der Bildung und bei den Hochschulen die Weichen richtig stellen, eröffnet uns das Zeitalter der Digitalisierung große Möglichkeiten. Die neue grün-schwarze Landesregierung jedenfalls ist entschlossen, ressortübergreifend und gemeinsam mit der Wirtschaft ihren Beitrag dazu zu leisten.“

Der Südwestmetall-Vorsitzende Wolf forderte eine Kurskorrektur in der Tarifpolitik, in der aktuell eine Umverteilung betrieben werde, wie es sie seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben habe, aber auch einen Kurswechsel in der Politik: „Sie muss endlich eine klare Strategie entwickeln, wie die Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen gestärkt und die Zukunftsfähigkeit unseres Landes gesichert werden kann.“ Neben dem Abbau von Belastungen, Bürokratie und Regulierungen forderte er, den digitalen Wandel hin zur Industrie 4.0 aktiv zu gestalten: „Wer hier nur die Risiken sieht und alles daran setzt, diese zu minimieren, wird sich alle Chancen verbauen. Mit den arbeitsrechtlichen und tariflichen Regelungen der 70er Jahre werden wir dieses Rennen nicht gewinnen können.“

Mit Blick auf den Koalitionsvertrag der neuen grün-schwarzen Landesregierung sagte Wolf, dass dieser in der Bildungspolitik und bei der Digitalisierung positive Ansatzpunkte enthalte. Die Digitalisierungsstrategie müsse nun zügig und umfassend umgesetzt werden. In der Bildungspolitik müsse nach den Strukturdebatten der vergangenen Jahre der Fokus auf Inhalte und Qualität gelegt werden: „Die erheblichen Rechtschreib- und Mathematikschwächen vieler Schüler, die eine Untersuchung gerade offengelegt hat, zeigen, wie dringend diese Debatte geführt werden muss.“ Zu dieser Qualitätsdebatte gehöre auch eine zügige Umsetzung der Leitperspektive Berufsorientierung im neuen Bildungsplan und des neuen Schulfachs „Wirtschaft und Berufsorientierung“ und einer entsprechenden Verankerung dieser Themen in der Bildungsadministration, so Wolf.

Der Südwestmetall-Vorsitzende kritisierte zudem, dass in Baden-Württemberg der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg immer noch relativ stark sei: „Das heißt, es gibt noch viele Menschen, die ihre Potenziale nicht ausschöpfen und ihre Talente nicht entwickeln können. Mit Blick auf die Herausforderungen der Fachkräftesicherung darf aber kein Talent verloren gehen.“

Bei der Veranstaltung stellte der Verband auch seine neue Dachmarke „Südwestmetall macht Bildung“ vor, unter der die Aktivitäten von Südwestmetall zu Bildung und zur Fachkräftesicherung gebündelt werden (separate Pressemitteilung). Im Anschluss diskutierten vor rund 400 Gästen Bildungsexperten über das Thema „Mehr Chancengerechtigkeit durch Bildung“. An der von der SWR-Hörfunk-Journalistin Eva Laun moderierten Diskussion nahmen neben der baden-württembergischen Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann der Bildungsforscher Professor Dr. Ulrich Trautwein, der Gemeinschaftsschulleiter Jochen Nossek sowie der Unternehmer Karl Schäuble, Mitglied des Südwestmetall-Vorstands und Vorsitzender des Bildungswerks der Baden-Württembergischen Wirtschaft, teil.

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