Samstag, 8. August 2009

Interview mit SWR 2

Wie wahrscheinlich ist eine Entlassungswelle?

STUTTGART – In der SWR-2-Rundfunksendung „Geld, Markt, Meinung“ vom 8. August hat sich Südwestmetall-Hauptgeschäftsführer Peer-Michael Dick zur wirtschaftlichen Lage der Metall- und Elekroindustrie sowie zur akutellen Beschäftigungssituation in der Branche geäußert.

In der Politik und bei den Gewerkschaften geht die Angst vor Massenentlassungen um. Ab Herbst rechnet die Bundesagentur für Arbeit mit einem deutlichen Anstieg der Arbeitslosenzahl bis Januar von 3,5 auf dann vier Millionen. Noch aber halten die Betriebe ihre Beschäftigten. In der Metall- und Elektroindustrie, die schon zu Ende des vergangenen Jahres die Krise ganz deutlich zu spüren bekam, wurden bislang nur in sehr geringem Umfang Stellen abgebaut. Im Mai dieses Jahres lag die Zahl der Mitarbeiter in der Branche nur rund 2,5 Prozent niedriger als ein Jahr zu vor.

Peer-Michael Dick, Sie sind Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall. Ihre Betriebe setzen auf Kurzarbeit, um die Beschäftigten zu halten. Es gibt noch kaum Entlassungen. Wie erklärt sich das in dieser schweren Krise?

Dick: Unsere Unternehmen haben gelernt aus den Erfahrungen der letzten sehr großen Krise '92, '93. Man hat damals erstmals Facharbeiter und auch Ingenieure entlassen, abgebaut, das hat später zu Problemen geführt in den Betrieben und auch bei den entsprechenden Ausbildungsberufen und den Studiengängen. Man hatte deutlich weniger Bewerber, Interessenten und das hat ungefähr zehn Jahre gedauert, bis man diesen Rückgang wieder aufgeholt hatte. Alle Unternehmen sind jetzt bemüht, ihre Fachkräfte in allen Bereichen, auf allen Ebenen zu halten. Man weiß, dass die hohe fachliche Kompetenz der Mitarbeiter ein sehr hohes Gut ist, gerade in diesen Zeiten. Technologie, Technologie-Entwicklung und bei anderen Themen und deswegen setzt jedes Unternehmen sehr viel daran, diese Mitarbeiter möglichst lange, auch unter Inkaufnahme von begrenzten Verlusten, zu behalten.

Diese Beschäftigungssicherung, die die Kurzarbeit ja ist, wie stark belastet es die Betriebe? Ist es ein finanzieller Kraftakt?

Dick: Das ist mit Sicherheit ein finanzieller Kraftakt – sie müssen nur eines sehen: Wenn ein Mitarbeiter überhaupt nicht arbeitet, dann hat er bei uns in Baden-Württemberg immer noch eine Entgeltabsicherung – je nach dem tariflichen Modell, das jetzt gewählt wird – zwischen 80 und teilweise über 90 Prozent. Davon macht dann das reine Kurzarbeitergeld in Prozentpunkten etwa 60 bis 67 Prozentpunkte aus, so dass immer noch 20 bis 30 Punkte übrig bleiben vom ursprünglichen Nettoentgelt – für Null Arbeit.

Aber sie bekommen ja auch eine Entlastung. Also ab dem siebten Monat beispielsweise fallen die Sozialabgaben weg?!

Dick: Man bekommt eine Entlastung im Vergleich zum normalen Entgelt, das man zahlen würde, wenn Arbeit da wäre. Doch es kommt nicht die proportionale Entlastung in dem Ausmaß, in dem Arbeit nicht stattfindet. Und das ist das Kernproblem der Kurzarbeit: Es ist mit Sicherheit ein gutes, geeignetes Mittel, um befristet geringere Produktionsvolumina abzufedern, aber Kurzarbeit, das haben wir schon immer betont, ist ein Rettungsring, aber kein Rettungsboot.

Viele Unternehmen sagen aktuell, der rasante Abschwung ist gestoppt, es gibt eine Bodenbildung. Dennoch sprechen Firmen auch von Personalabbau. Wann wird es zu größeren Entlassungen kommen?

Dick: Also, eines muss man mal festhalten: Dass wir eine Bodenbildung haben, klingt wie eine gute Nachricht, aber die allein reicht überhaupt nicht aus. Was nützt es einem Schwimmer, der zeitweise 50 Meter unter der Wasserlinie und dann auf zehn Meter unter der Wasserlinie ist. Das nützt ihm überhaupt nichts. Er muss mindestens wieder auf die Wasserlinie kommen, auf Null, und da sehen wir im Augenblick keine Entwicklung. Was wir sehen ist, dass es nicht weiter abstürzt, was wir sehen ist, dass es sich seit ein paar Monaten um ein bestimmtes Niveau eingependelt hat, was wir noch nicht sehen, ist eine verlässliche positive Entwicklung – wir wissen nicht, wie schnell wir wieder in irgendwelche besseren Bereiche kommen. Wir haben im letzten Jahr gelernt, wie rasant so ein Absturz erfolgen kann, mit dem in ganz Deutschland weder ein Wirtschaftsweiser noch ein Betriebsfachmann gerechnet hat. Deswegen halten wir uns jetzt mit Prognosen sehr zurück.

Die IG Metall hat ja bereits Position bezogen und erklärt, das Jahr 2009 darf nicht das Jahr der Entlassungen werden. Die Gewerkschaft sagt, das Potenzial der Kurzarbeit sei noch längst nicht ausgeschöpft – ein Stellenabbau deshalb nicht vertretbar. Sehen Sie das auch so?

Dick: Also, ich möchte warnen, hier pauschalierende Aussagen und vor allem auch pauschalierende Verurteilungen vorzunehmen. Es ist richtig, dass manche Unternehmen jetzt über Entlassungen nachdenken und damit über eine Beendigung der Kurzarbeit. Dann aber zu sagen, das Potenzial der Kurzarbeit sei nicht ausgenutzt, kann so nicht richtig sein. Denn diese Unternehmen haben in der Regel schon viele Monate der Kurzarbeit hinter sich. Abgesehen davon gewährt die Arbeitsagentur ja Kurzarbeit nicht einfach so. Kurzarbeit heißt: Es muss Hoffnung bestehen, dass normale Arbeit wieder möglich ist und da gibt es eben einige Unternehmen, die überprüfen müssen – das hängt von der Branche ab, das hängt auch speziell vom Unternehmen ab – ob das möglich ist. Und wenn festgestellt wird, das ist auf absehbare Zeit nicht möglich, dann bestehen schon die gesetzlichen Voraussetzungen für Kurzarbeitergeld nicht mehr, und dann muss die Kurzarbeit beendet werden. Also noch mal, Einzelfälle anschauen, keine pauschalierende Verurteilung.

Sagt an die Adresse der IG Metall der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall, Peer-Michael Dick.

Vielen Dank.

(Moderation und Redaktion: Christof Gaißmayer)

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