Interview Dr. Wolf/Südwestmetall mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

"Der Südwestmetall-Vorsitzende Dr. Stefan Wolf hat im Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" gefordert, die Arbeitskosten in der Metallindustrie zu senken, statt sie in der anstehenden Tarifrunde zu erhöhen. Das Interview ist am 22. November 2020 erschienen."

Herr Wolf, in der deutschen Metall- und Elektroindustrie sind noch immer rund eine Million Mitarbeiter in Kurzarbeit. Ist Besserung in Sicht?

Die Betriebe der Metallindustrie werden dieses Jahr im Schnitt mit einem Umsatzminus von gut 20 Prozent abschließen. Das ist richtig heftig. Die Kurzarbeit wird deshalb auch im ersten Halbjahr 2021 hoch bleiben. Die gute Nachricht ist: Die Nachfrage etwa in der Autoindustrie zieht wieder an, vor allem dank China. In der Produktion sind viele Mitarbeiter nicht mehr in Kurzarbeit. Ob diese Entwicklung nachhaltig ist, muss sich aber erst noch zeigen. Und im Maschinenbau sieht es weiterhin schwierig aus.


Droht eine Pleitewelle in der Industrie, wenn die in der Krise beschlossene Lockerung der Insolvenzordnung wieder wegfällt?

Ich finde es jedenfalls bedenklich, dass die gelockerten Insolvenzregeln bis Jahresende gelten. Damit verschiebt man nur die Probleme. Für die Industrie muss man ganz klar sagen: Es gibt Unternehmen, die sind in einer strukturellen Krise, und die werden da wohl auch nicht mehr rauskommen. Denen ist mit dem Aufschub nicht geholfen.


Und wie schwierig wird die bevorstehende Tarifrunde in der Metallindustrie?

Keine Frage, wir haben eine ganz außergewöhnliche Situation. Die IG Metall spricht jetzt von einer Erhöhung der Lohnkosten um 4 Prozent. Das werden viele Unternehmen angesichts der dramatischen Umsatzeinbußen einfach nicht leisten können. Wenn deutlich weniger reinkommt, kann ich auf der Kostenseite nicht draufsatteln. Die von der IG Metall geforderte Viertagewoche mit Teil-Lohnausgleich wäre grotesk. Dadurch würden die Arbeitskosten je Stunde steigen. Die müssen aber dringend runter.


Sie haben einen Kostenbeitrag der Beschäftigten gefordert. Was meinen Sie damit?

Bei der Bewältigung der Krise sind alle gefordert: Unternehmen, Gewerkschaft und auch die Mitarbeiter. Wir brauchen konstruktive Lösungen, die zu einer Senkung der Arbeitskosten je Stunde führen. Die sind in den vergangenen Jahren aus dem Ruder gelaufen. Wir sind bei den Arbeitskosten nicht mehr wettbewerbsfähig mit vielen Ländern innerhalb und außerhalb Europas.


Worauf sollen die Beschäftigten verzichten?

Es gibt viele Möglichkeiten. Ich will gar nicht die Grundlöhne senken, das wäre illusorisch. Aber hier in Baden-Württemberg gibt es zum Beispiel Spätzuschläge schon ab zwölf Uhr mittags. Da kann man rangehen. Es gibt viele Vergünstigungen, Sonderzahlungen, Pausenregelungen. Vielleicht kann man auch mal dran denken, dass man für das gleiche Geld wieder ein bisschen mehr arbeitet.


Aber es sind doch Hunderttausende in Kurzarbeit, weil zu wenig Arbeit da ist.

Es gibt einige Unternehmen, die haben auch jetzt eine sehr starke Auslastung. Denen würde es durchaus helfen, wenn jemand drei Stunden in der Woche mehr arbeitet. Hilfreich wäre das auch dann, wenn die Pandemie unter Kontrolle ist und es hoffentlich wieder aufwärts geht. Andere Unternehmen werden auch noch 2021 stark unter der Krise leiden. Für sie ist es sinnvoll, die Arbeitszeit zu senken, wie es die Gewerkschaft vorschlägt, nur eben ohne Lohnausgleich. Wir brauchen flexible Lösungen.


Wie sollen die aussehen?

Wenn ein Unternehmen in einer schwierigen Situation ist, dann braucht es schnelle und pragmatische Lösungen. Sinnvoll wäre eine Flexibilisierungs-Automatik im Flächentarif: Wenn ein Unternehmen in der Krise beispielsweise unter eine bestimmte Ertragskennzahl fällt, dann sollte es automatisch die Möglichkeit bekommen, individuelle Regelungen zu vereinbaren, die vom Flächentarifvertrag abweichen und direkt zwischen Geschäftsleitung und Betriebsrat ausgehandelt werden. Die IG Metall muss dabei nicht mit am Tisch sitzen, denn dadurch wird es in der Praxis oft kompliziert. Das wäre eine flexible und zeitgemäße Lösung.


Sie haben die Beschäftigten im Frühjahr auch aufgefordert, auf den Sommerurlaub zu verzichten. Sind Sie selbst auch daheim geblieben?

Ich war im September zehn Tage auf Sylt.


Aha ......

aber im Sommer war ich jeden Tag in der Firma. Und im Herbsturlaub auf Sylt hatte ich mein Notebook dabei. Eine gute Seite der Pandemie ist ja, dass wir festgestellt haben, wie gut mobiles Arbeiten funktioniert. Ich habe auf Sylt jeden Tag gearbeitet. In vielen Bereichen ist es nicht mehr notwendig, acht Stunden im Büro zu sitzen. Auch viele Dienstreisen können durch Videokonferenzen ersetzt werden.

Anmerkung Südwestmetall: Der Appell im Frühjahr, den Urlaub zu schieben oder zu streichen, war seinerzeit an die Hoffnung geknüpft, dass die Metallindustrie in der Sommerzeit schon wieder den Einbruch vom Frühjahr aufholen kann, was sich leider nicht bewahrheitet hat – womit auch der Appell zum Urlaubsverzicht hinfällig wurde.


Wie sieht eine gute Mischung zwischen Homeoffice und Büro aus?

Für unser Unternehmen Elring-Klinger halte ich zwei Tage mobiles Arbeiten und drei Tage im Büro für einen gesunden Mix. Andererseits heißt mobiles Arbeiten aber auch, dass ich nicht mehr meinen festen Schreibtisch habe. Ich habe meinen Rollcontainer und suche mir einen freien Schreibtisch. Daran müssen sich die Menschen gewöhnen. Aber viele sind offen für diesen Wandel.


Es gibt noch ganz andere Veränderungen. Elring-Klinger ist Weltmarktführer bei Zylinderkopfdichtungen für Verbrennungsmotoren. Wie lange trägt dieses Geschäft noch?

Zylinderkopfdichtungen machten 2019 nur noch 11 Prozent unserer Umsätze aus. Wir bauen längst auch Teile, die unabhängig sind vom Verbrennungsmotor. Und wir befassen uns bereits seit zwei Jahrzehnten mit Zukunftstechnologien wie der Brennstoffzelle. Aber wir werden auch in zehn Jahren noch Zylinderkopfdichtungen herstellen.


Beim Autogipfel bekam die Industrie soeben weitere milliardenschwere Staatshilfen für die E-Mobilität. Warum muss dafür in Deutschland immer der Steuerzahler geradestehen?

Die Transformation in der Mobilität ist ein gesellschaftliches Projekt. Wenn wir gemeinsam diesen Wandel schaffen wollen, dann ist auch der Staat gefragt, nicht nur die Industrie mit ihren hohen Investitionen in neue Technologien. Die Preise für E-Fahrzeuge werden nur durch eine höhere Nachfrage sinken. Um diese Nachfrage anzuschieben, muss der Staat Anreize bieten. Das Thema hat übrigens auch eine große tarifliche Bedeutung.


Inwiefern?

Wir können nicht auf der einen Seite Fördermilliarden für die Transformation erhalten und diese auf der anderen Seite dann auch für Lohnerhöhungen in einer Branche ausgeben, die sich eh schon auf einem hohen Lohnniveau befindet. Das wäre gesellschaftlich nicht vereinbar, das würde zu Recht beim Steuerzahler für Ärger sorgen.


Muss sich Deutschland zwischen Klimaschutz und den Jobs in der Autoindustrie entscheiden?

Nein. Wenn wir das intelligent angehen, werden wir in Zukunft gutbezahlte Arbeitsplätze in der Elektromobilität haben. Nur eben andere. Und man muss ehrlich sagen: In der Produktion des Antriebsstrangs wird es irgendwann deutlich weniger Jobs geben als heute. Das bringt für die Betroffenen einen Wechsel mit sich, entweder innerhalb des Unternehmens oder in andere Bereiche des Arbeitsmarkts. Wichtig ist, dass wir den Menschen die Transformation erklären und die Chancen aufzeigen.


Die EU will die CO2-Reduktionsziele für 2030 erhöhen. Zu Recht?

Nein. Den Vorschlag für die neue Abgasnorm Euro 7 und die höheren Reduktionsziele im Rahmen des „Green Deals“ von Frau von der Leyen sehe ich sehr kritisch. Unsere Industrie wird über Gebühr in die Pflicht genommen. Man lässt völlig außen vor, was wir schon erreicht haben. Der CO2-Ausstoß der Motoren hat sich sehr stark verringert, nur haben wir heute sehr viel mehr Autos auf der Welt. Am Ende muss sich die Politik überlegen: Wollen wir diese Industrie noch oder nicht?


Eben sagten Sie doch noch, Klimaschutz und Autojobs seien kein Widerspruch.

Wir konzentrieren uns zu sehr auf die Autoindustrie. Nur ein Beispiel: Im EU-Mitgliedsland Polen gibt es sehr viele Braunkohlekraftwerke. Jedes einzelne davon emittiert jährlich so viel CO2 wie der gesamte Straßenverkehr in Baden-Württemberg. Es gibt viele Bereiche, die man wirkungsvoll beim Klimaschutz angehen kann, aber man schaut derzeit nur auf die Autoindustrie. Davon müssen wir wegkommen.


Ist die von Ihnen favorisierte Brennstoffzelle ein ewiger Hoffnungsträger?

Nein. Wir werden ab 2025 vor allem schwere Lastwagen mit Brennstoffzelle auf der Straße sehen. Daran führt kein Weg vorbei. Einen schweren Lastwagen werden Sie nie wirtschaftlich mit Batterie fahren können. Dasselbe gilt für Passagierflugzeuge. Deshalb haben wir ja gerade die Zusammenarbeit mit Airbus beschlossen: Airbus hat sich für ElringKlinger entschieden, um die Brennstoffzellentechnologie für die Luftfahrt weiterzuentwickeln. Wenn das erfolgreich ist, könnte der erste klimaneutrale Airbus mit unserer Technologie fliegen.


Aber frühestens in 15 Jahren. Hätten Sie nicht besser Batteriezellen entwickelt?

Die sind heute schon ein großes Geschäft, doch alle Hersteller sitzen in Asien. Wir machen auch Batteriemodule, aber es stimmt: Bei den Batteriezellen für diese Module sind wir in Deutschland auf Lieferanten aus Japan, Korea und China angewiesen. Doch dieser Zug ist abgefahren. Ich habe Zweifel, ob es jetzt noch Sinn hat, in die Zellfertigung einzusteigen, wo uns die Asiaten meilenweit voraus sind.


Und was wird aus den vielen Autozulieferern, die kein Standbein neben dem Verbrenner haben?

Es wird den einen oder anderen geben, der noch auf den schon sehr schnell fahrenden Zug der Elektromobilität aufspringen kann. Aber anderen, die sich bisher rein auf den Verbrennungsmotor konzentrieren, wird das nicht gelingen. In unserer Industrie wird es in den nächsten zehn Jahren noch mal eine deutliche Konsolidierung geben.


Verweis:

"Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung", Erstveröffentlichung 22. November 2020, Autor: Marcus Theurer. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv

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