#ShowMEyourdesk mit Julian Pöltl

Julian Pöltl ist 17 Jahre, geht in die 11. Klasse und ist Chef eines preisgekrönten Unternehmens. "Morgenmad" – Dänisch für Frühstück – ist ein Schülerunternehmen aus Rottweil, das 2018 zum besten des Ländles gekürt wurde und dem Pöltl vorsteht. Seitdem hat er Blut geleckt und will am liebsten auch später sein eigener Chef sein. Zuvor kann er sich aber auch ein Duales Studium vorstellen – um Kontakte zu knüpfen und mehr Erfahrung und Wissen zu sammeln. In jedem Fall will Pöltl in den nächsten Jahres eines: Gas geben. Schlafen könne man schließlich auch noch später.

1. Wie würde Dein Vater Dich vorstellen?

Ich kenne diese Frage aus euren anderen Interviews, deswegen habe ich mir gedacht die Antwort wie ein Rezept aufzubauen. Denn mein Vater kocht sehr gerne. Wobei ich über die Qualität seiner Kochkünste jetzt nicht urteilen werde...Also: Für einen Julian braucht man Ehrgeiz, ein bisschen Intelligenz, ein bisschen Verrücktheit – wobei sich die Verrücktheit meist in Form kruder Gedankenkonstruktionen und Ideen äußert – und Ambitionen. Diesbezüglich muss man mich manchmal stark bremsen, weil ich dann mehr will als tatsächlich möglich ist. Aber den Feinsinn dafür, was real machbar ist, muss man sich eben auch erst einmal erarbeiten.

2. Was wolltest Du mit 10 Jahren werden und was arbeitest Du heute?

Daran kann ich mich nicht genau erinnern. Als kleines Kind wollte ich Bob der Baumeister werden. Auch weil mein Vater handwerklich umtriebig ist und ich dann immer mit herumrumhämmern und basteln durfte. Dann wurde irgendwann die Politik interessant, weil ich dachte, da könne man etwas bewegen. Wie ich darauf gekommen bin, weiß ich mittlerweile nicht mehr. Letztlich bin ich dann wieder zur Technik, in Kombination mit Wirtschaft, geschwenkt – und stelle mir vor später im Dualen Studium Wirtschaftsingenieurwesen zu studieren.

Heute bin ich Schüler am Leibniz-Gymnasium in Rottweil und gleichzeitig Geschäftsführer unserer Schülerfirma Morgenmad. Da kümmere ich mich um die Themen Organisation und Koordination innerhalb des Unternehmens, vertrete Morgenmad aber auch nach außen.

3. Welche 3 Menschen beeindrucken Dich am meisten und warum?

Auf alle Fälle Steve Jobs. Man liest ja immer wieder, dass er ein sehr schwieriger Mensch war, aber er hat einfach ein Lebenswerk geschaffen, das man hochhalten muss. Er hatte Visionen und besaß die Genialität ganz genau zu wissen, wie man ein Produkt verkaufen muss. Klar, er war auch exzentrisch und gab an unnötigen Stellen Geld aus: Zum Beispiel hat er die PCs immer auch von innen eingefärbt, weil er ein perfektes Produkt liefern wollte. Aber in Summe war er ein großartiger Unternehmer. Es gibt eine Rede von ihm, die er vor Stanford-Absolventen gehalten hat, die sollte sich jeder einmal anhören.

Daneben bewundere ich Warren Buffett. Zum einen wegen seiner Wohltätigkeit: Er spendet regelmäßig Milliardenbeträge! Und er lebt für seine finanziellen Verhältnisse sehr bescheiden. Aber wirklich interessant ist, dass er ganz eigene Anlagestrategien hat: Normalerweise schaut sich ein Investor ja die Unternehmenszahlen an und liest aus diesen, wie sich das Unternehmen entwickeln wird. Warren Buffett schaut sich aber bei einem Unternehmen an, wie es geführt wird und wo die Innovationskraft liegt. Seine Beurteilung beruht also weniger auf kalten Fakten, sondern hat immer auch einen sehr menschlichen Aspekt.

Und dann bewundere ich noch in Sachen Politik Willy Brandt. Er hatte einen maßgeblichen Einfluss auf die Einigung zwischen Ost und West. Damit hat er Deutschland in einer Weise geprägt, die noch heute spürbar ist.

4. Bist Du eher…

… Bewahrer oder Innovator?

Beides eigentlich. Ich nehme das Gute aus dem Älteren, Vergangenem und versuche etwas Innovatives, Neues hinzuzufügen. Also das Beste aus beiden „Zeiten“ in einer Symbiose erfolgreich zu vereinen.

… Anleger oder Sparer?

Normalerweise sollte man meinen, dass ich als Schwabe eher Sparer bin. Aber heute kann man als Sparer wenig gewinnen, als Anleger stehen die Chancen hier besser. Aber Detailwissen habe ich in diesem Bereich eigentlich nicht.

Risikofreudig?
Man sollte risikobewusst sein. Aber klar ist auch: ohne Risiko kein Gewinn.

… Lokalpatriot oder Weltenbummler?

Man kann durch Reisen sicher wertvolle Erfahrungen sammeln, wenn man die Länder und ihre Eigenheiten wirklich betrachtet, in sich aufnimmt und beispielsweise gesellschaftliche oder wirtschaftliche Vergleiche zieht. Aber durch die Welt zu bummeln und beispielsweise in Australien vier Monate Orangen zu pflücken und danach noch einen Monat Strandurlaub dran zu hängen – das ist für mich Zeitverschwendung.

Als Lokalpatriot sehe ich mich jedoch auch nicht unbedingt. Wobei ich – allein schon, weil ich kein Sprachentalent bin – meine Zukunft eher in Deutschland sehe.

5. Welches Thema verfolgst Du aktuell in den Medien am intensivsten, weil es Dich persönlich beschäftigt?

Wegen unseres Unternehmens und unseren Kaffee-to-go-Bechern interessiert mich natürlich die „Plastikkrise“, also die Verschmutzung der Weltmeere und wie Medien und Politik damit umgehen. Denn Krisen wie diese bergen natürlich immer auch ein gewisses Marktpotential, kündigen die Veränderung einer Branche an, an der man teilhaben könnte...

Apropos Krise: Interessant finde ich auch den Diesel- und Abgasskandal. Nicht weil mich die Automobilbranche über Maßen interessiert, aber man sieht, dass auch ein Standort wie Deutschland bei gewissen Themen offenbar dringend Lernbedarf hat. Und dass ein Label wie „Made in Germany“ ganz schnell ins Schwanken geraten kann.

6. Stichwort New Work: Was verbindest Du damit und was ist das für Dich konkret?

Bei den bisherigen industriellen Revolutionen war es immer so, dass die Arbeit der Menschen zunehmend von der Technik unterstützt wurde. Jetzt fängt die Zeit an, wo die Arbeit nicht unterstützt, sondern teilweise von Robotern komplett übernommen wird. Ist ja auch klar: Roboter sind präziser als Menschen, sie arbeiten schneller und kosten am Ende weniger. Aber diese Entwicklung macht auch Angst. Denn die „New Work“ wird längst nicht mehr von uns geprägt, sondern sie ist vor allem prägend für uns. Und sie hat Folgen, die für uns einfach nicht abzuschätzen sind. Die einen sagen, dass an einer Stelle Jobs wegfallen, dafür an anderer Stelle geschaffen werden. Aber wie sicher ist das? Kann man das wirklich für jeden Job so sagen? Oder haben wir mittlerweile eine Entwicklungsstufe erreicht, an der man sich auch anderen Gedanken öffnen muss? Zum Beispiel dem Thema „bedingungsloses Grundeinkommen“. Ich bin zwar kein Verfechter davon, auch weil ich Leistungsanreize für wichtig halte, aber wie sonst will man eine soziale Absicherung garantieren für die Menschen, die als Verlierer aus dem technischen Fortschritt herausgehen werden?

7. Wie wird sich diese neue Arbeitswelt auf die Jobprofile auswirken?

Wie eben schon beschrieben, werden sehr viele Jobs, wie wir sie heute kennen, wegfallen. Des Weiteren brauchen wir zukünftig auf der einen Seite mehr Spezialisten, also absolute Profis für bestimmte Themen. Denn diese werden in sich immer komplexer. Aber es braucht genauso Generalisten, die zwischen verschiedenen Disziplinen und Fachrichtungen den Bezug sehen und diese dann miteinander verbinden können.

Außerdem spielt hinsichtlich des zukünftigen Innovationsniveaus die Kreativität eine sehr große Rolle. Da halte ich das Thema Diversität für wichtig. Also Menschen unterschiedlichster Richtungen zusammen zu bringen, damit unterschiedlichste Sichtweisen eingebracht werden und sich befruchten können. Wenn man zum Beispiel Eltern und Schüler über ein Thema referieren lässt, entstehen am Ende ganz neue Ansätze.

8. Wo siehst Du unsere Sozialsysteme in 10 Jahren?

Mit dem demografischen Wandel habe ich mich durchaus auseinandergesetzt. Man muss einfach sehen, dass zukünftig immer mehr Rentenbezieher auf einen Arbeitnehmer kommen. Früher war das Verhältnis mal 3:1, mittlerweile sind wir bei 1:1 angelangt – jeder Arbeitnehmer ernährt sozusagen einen Rentner mit. Gepaart mit irgendwelchen politischen Rentenversprechen, die später auch noch zum tragen kommen, oder Themen wie Vermögenssteuer und höhere Einkommenssteuer, sehe ich große Probleme für das Sozialsystem. Und dann wird natürlich auch die technische Entwicklung und damit verbunden die mögliche Arbeitslosigkeit in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren eine Rolle für die Sozialsysteme spielen.

9. Älter werden ist für mich…

...Erfahrungen sammeln und reifer werden. Und man wird selbständiger. Diesen Prozess habe ich schon vor längerer Zeit durchlebt: Früher hat zum Beispiel meine Mutter Vokabeln mit mir gelernt, heute wissen meine Eltern nicht einmal, wann ich einen Test schreibe. Ich denke, darauf hatten die Firma und das eigenständige Arbeiten sicher auch einen großen Einfluss. Wenn ich da im Gegensatz meinen kleinen Bruder sehe: Der ist 14 und muss noch sehr an der Leine geführt werden.

10. Was schätzt Du am Unternehmensstandort?

Die Region hier ist natürlich bekannt für ihre Innovationskraft, ihre Technologien, ihre Arbeitsweise. Ich brauche zum Beispiel ein effektives Zeitmanagement, dieses „Komm ich heut nicht, komm ich morgen“ kann ich gar nicht abhaben. Das erlebe ich jetzt schon in unserer Firma und sehe für die Zukunft die Herausforderung Mitarbeiter zu finden, auf die man sich zu 100 Prozent verlassen kann. Aber im Vergleich sind wir in Baden-Württemberg diesbezüglich natürlich super aufgestellt: Wir haben eine gute (Aus-)Bildung, gute Strukturen und generell eine gute Arbeitsphilosophie.

Über Morgenmad

2018 haben Schülerinnen und Schüler des Leibniz-Gymnasiums in Rottweil mit ihrer Firma "Morgenmad" den Titel "Bestes Junior-Unternehmen Baden-Württemberg" gewonnen. In Junior-Unternehmen lernen Schüler, wie Wirtschaft in der Praxis funktioniert. Dabei kooperieren Schule und Schülerunternehmen mit „IW Junior“, einer gemeinnützigen GmbH unter dem Dach des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. Ziel von Junior ist unter anderem, unternehmerisches Handeln und Denken sowie den Existenzgründungsgedanken zu unterstützen. Bei Morgenmad hat man zum Ziel, die Welt ein bisschen besser zu machen. Das Unternehmen verkauft zum Beispiel einen wiederverwendbarer Coffee-to-go-Becher aus 94 Prozent biobasiertem Kunststoff.

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Datum: 19.9.2019

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