Arbeitszeitgestaltung

Die Ausgangslage: scheinbar unvereinbar

Sie war wohl eine der härtesten Tarifrunden der letzten Jahre: Als sich 2018 Gewerkschaft und Arbeitgeber zusammensetzten, gab es auf beiden Seiten unumstößliche Vorstellungen und Ziele. Die IG Metall wollte, dass Arbeitnehmer ihre Arbeitszeit vorübergehend verkürzen können – bestimmte Beschäftigtengruppen sollten dabei sogar noch einen Lohnzuschuss erhalten.

Die Arbeitgeber wollten hingegen erreichen, dass mehr Arbeitsverträge oberhalb der tariflichen Arbeitszeit von 35 Wochenstunden abgeschlossen werden können als bisher. Auf den ersten Blick unvereinbare Ziele.

Das Ergebnis: neue Möglichkeiten für alle Beteiligten

Und doch kam es zu einer Lösung: So erlaubt der neue Tarifvertrag einerseits Arbeitnehmern in Vollzeit, ihre Arbeitszeit vorübergehend auf bis zu 28 Stunden in der Woche abzusenken – und später wieder in Vollzeit zurückzukehren. Darüber hinaus haben Eltern kleiner Kinder, Pflegende oder Schichtarbeiter unter bestimmten Bedingungen die Wahl zwischen mehr Geld oder Freizeit.

Auf der anderen Seite bietet die neue Regelung Arbeitgebern wesentlich mehr Möglichkeiten, Mitarbeiter auch länger als 35 Stunden zu beschäftigen. In Zeiten des Fachkräftemangels und voller Auftragsbücher ist dies ein lang ersehntes und längst überfälliges Tool.

Der Meilenstein: flexiblere Arbeitszeiten

Wie das funktioniert? Auf fünf unterschiedlichen Wegen:

1. Die „verkürzte Vollzeit“

Alle Vollzeitbeschäftigten haben mit der neuen Regelung – der sogenannten „verkürzten Vollzeit“ – das Recht, ihre Arbeitszeit von 35 auf bis zu 28 Stunden in der Woche zu reduzieren. Für einen Zeitraum von einem halben bis zu zwei Jahren. Der Anspruch auf verkürzte Vollzeit kann grundsätzlich beliebig oft geltend gemacht werden. Auch gut zu wissen: Diese neue tarifliche Möglichkeit ersetzt die gesetzliche „Brückenteilzeit“ bei einer Absenkung von bis zu zwei Jahren.

Der Arbeitgeber kann den Antrag auf die verkürzte Vollzeit ablehnen, wenn

  • das entfallende Arbeitsvolumen nicht kompensiert werden kann, beispielsweise von einem Kollegen mit gleichwertiger Qualifikation.
  • keine Einigung über die Lage der reduzierten Arbeitszeit erzielt wird, also zu welcher Uhrzeit und an welchem Tag der Beschäftigte „verkürzt“.

zu viele Beschäftigte bereits weniger als 35 Stunden in der Woche arbeiten.

2. Freie Tage oder tarifliches Zusatzgeld

Die Wahl zwischen freien Tagen oder einem tariflichen Zusatzgeld (T-ZUG) haben

  • Eltern von Kindern bis zur Vollendung des 8. Lebensjahres,
  • Beschäftigte, die pflegebedürftige nahe Angehörige haben und
  • Schichtbeschäftigte, die bereits länger in Schicht eingesetzt waren.

3. Fachkräftemangel? Mehr 40-Stünder

Die Arbeitgeber können durch den neuen Tarifvertrag leichter Arbeitszeiten auf bis zu 40 Stunden in der Woche erhöhen. Die grundsätzliche Quote von 18 Prozent als Grenze für 40-Stunden-Verträge bleibt zwar erhalten, wenn jedoch Fachkräftemangel im Betrieb herrscht oder der Einsatz von Zeitarbeit geregelt wird, kann die Quote durch Betriebsvereinbarung auf 30 Prozent erhöht werden. In Betrieben mit vielen hochbezahlten Arbeitnehmern (z.B. Ingenieuren) sogar auf 50 Prozent.

4. Quotenregelung, nein danke!

Eine weitere Besonderheit: Betriebe können komplett aus der Quotenregelung aussteigen und sich für eine „kollektive Volumenbetrachtung“ entscheiden. Es dürfen also beliebig viele Mitarbeiter 40 Stunden arbeiten, solange das betriebliche Gesamtvolumen nicht überschritten wird. Das heißt: Jeder Arbeitnehmer, der eine kürzere Arbeitszeit als 35 Stunden hat, ermöglicht es, andere Arbeitsverträge mit mehr als 35 Stunden abzuschließen.

5. Mehr Arbeit = mehr Geld

Eine weitere neue interessante Regelung für mehr Arbeitszeit: Zum Ausgleich fehlender Kapazitäten kann der Arbeitgeber mit dem Betriebsrat die Auszahlung von bis zu 50 Stunden pro Beschäftigten vereinbaren. In Zeiten voller Auftragsbücher ein wichtiges Instrument, um eine termingerechte Abarbeitung von Aufträgen zu ermöglichen.

Südwestmetall
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Datum: 19.9.2019

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