Interview Wilfried Porth/Südwestmetall mit der Stuttgarter Zeitung

Der Südwestmetall-Vorsitzende Wilfried Porth hat im Interview mit der „Stuttgarter Zeitung“/„Stuttgarter Nachrichten“ die IG Metall zu einem Signal aufgefordert, dass sie bereit ist, über die von Südwestmetall aufgerufenen Themen und Forderungen zu sprechen. Lohnerhöhungen, bevor die Metall- und Elektroindustrie das Vorkrisenniveau von 2018 wieder erreicht hat, erteilte er eine Absage.

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Wilfried Porth, Vorsitzender von Südwestmetall

Herr Porth, Sie sind ein viel gefragter Krisenmanager. Welcher Konflikt besorgt Sie mehr: die Metalltarifrunde, die Kontroverse mit dem Daimler-Betriebsrat in Untertürkheim oder der Machtkampf beim VfB Stuttgart?

Die beschäftigen mich alle.

Wo zeichnet sich eher eine Lösung ab?

Dort, wo ich es am meisten beeinflussen kann. Innerhalb der eigenen Firma hat man sicher immer noch mehr Möglichkeiten. So hoffe ich, dass wir in Untertürkheim zeitnah eine Lösung finden.

Womöglich haben Sie mit der Tarifrunde nicht mehr so viel Mühen. In Nordrhein-Westfalen haben die Arbeitgeber einen Lösungsvorschlag gemacht – ist das ein Schritt in Richtung Einigung?

In NRW können sich die Arbeitgeber Lohnsteigerungen erst für das nächste Jahr wieder vorstellen. Wir im Südwesten sagen: Mehr Lohn gibt es erst, wenn wir auf Vorkrisenniveau zurückgekehrt sind. Beide Positionen liegen nahe beieinander – es geht nur um die Frage: Wann ist dieser Zeitpunkt gekommen?

Auf welches Vorkrisenniveau?

Die Konjunktur in der Metall- und Elektroindustrie war schon vor dem Ausbruch der Pandemie im Abwärtstrend. Daher reden wir nicht über 2019, sondern über das Jahr 2018. Im Moment sehen wir die Rückkehr auf dieses Niveau frühestens im Jahr 2022. Und dann müssen wir hier noch über andere Themen dringend reden, die uns von den übrigen Tarifgebieten unterscheiden.


Sie meinen baden-württembergische Sonderregelungen wie die Spätschichtzuschläge, die schon in der Mittagszeit einsetzen – bleibt es dabei, dass Sie da Einschnitte verlangen?

Absolut. Nehmen wir den Übergang in der Automobilindustrie vom Verbrennungsmotor zum Elektroantrieb: Da finden wir am Weltmarkt gänzlich neue Rahmenbedingungen vor und neue Wettbewerber, die mit völlig anderen Konditionen antreten. Wir können nicht davon ausgehen, dass wir mit den alten Bedingungen, die uns schon bisher belasten, auf den neuen Feldern erfolgreich sein werden. Wir haben in Baden-Württemberg die höchsten Lohnkosten im weltweiten Vergleich. Das ist auf Dauer nicht durchzuhalten.


Mit dieser Forderung mobilisieren Sie die IG-Metall-Truppen erst so richtig.

Ich habe nichts anderes erwartet, kann Ihnen aber versprechen: Die Unternehmerseite ist auch sehr motiviert, da eine Lösung zu bekommen. Wenn wir die Arbeitsplätze erhalten wollen, müssen wir an die Dinge ran. Da gibt es gar keinen Grund zurückzuschrecken, nur weil die Reihen der Gewerkschaft geschlossen werden.

Geht der Pilotabschluss damit an Baden-Württemberg wieder mal vorbei?

Die Kollegen in den anderen Tarifgebieten haben den gleichen Kostendruck wie wir. Der Tarifabschluss wird aber nicht zwingend dort gemacht, wo das erste Angebot auf den Tisch gelegt wurde. Außerdem steht er in Baden-Württemberg unter dem Vorbehalt einer Gesamtlösung auch bei unseren Themen, sonst wird es ihn nicht geben. Insofern ist nicht entschieden, wo der Tarifkonflikt gelöst wird.

Haben Sie denn schon ein Signal von der IG Metall, dass sie mit Ihnen über alle Ihre Forderungen reden will?

Das habe ich noch nicht. Es wäre aber Zeit, dass das Signal kommt. Wir haben seit dem 18. Januar keine Gespräche mehr geführt. Aber auf dem Weg zum dritten Termin, der noch im Februar stattfinden soll, werden wir uns darüber noch unterhalten, um sicherzustellen, dass unsere Themen in den Verhandlungen angesprochen werden. Da liegen wir noch maximal weit auseinander, was für uns aber nicht das Signal sein sollte: Pech gehabt. Wir werden es weiterhin ernsthaft einbringen.

Das hört sich an wie vor der Tarifrunde – was ist denn seither an Verständigung passiert?

Nichts. Wenn die Gewerkschaft wirklich daran interessiert ist, Beschäftigung im Allgemeinen zu sichern, muss sie sich mit unseren Themen auseinandersetzen.

Neben vier Prozent mehr Lohn fordert die IG Metall eine Viertagewoche zur Absicherung der Beschäftigung im Wandel. Hat Ihre Ablehnung da Bestand?

Die hat absolut Bestand. Die Logik der IG Metall wird sich mir auch morgen nicht erschließen. In der Automobilindustrie etwa sind wir in einer Transformation, die zu weniger Arbeitsplätzen in den angestammten Bereichen führen wird. Ich habe also nicht mehr genug Arbeit für die Beschäftigten, die noch an Bord sind. Wenn ich dann für weniger Arbeit noch die Kosten erhöhe,indem ich einen Teillohnausgleich zahle, dann verschlechtert sich meine Position. Die Transformation kann ich nicht nur mit Absicherungsmechanismen gestalten – vielmehr braucht es Innovationen, neue Technologien und Produkte, um neue Arbeitsplätze zu schaffen und weiter Weltmärkte zu bedienen.

Spielt der aktuell hohe Verlagerungsdruck den Arbeitgebern mehr in die Karten als bei früheren Tarifrunden?

Der Verlagerungsdruck ist ein sehr reales Szenario. Bisher haben die Auto- bauer ihre Verbrennungsmotoren im Prinzip selbst gefertigt. Jetzt sind wir in der Situation, dass komplette Komponenten wegbrechen und durch neue ersetzt werden. Da tauchen für unsere Lieferanten und uns Wettbewerber auf, die es bisher so nicht gab. Die suchen sich Regionen mit viel niedrigeren Personalkosten. Die Wettbewerber ändern sich und können mit ihren günstigeren Komponenten das Gesamtkonstrukt ins Wanken bringen.

Wie passt das zu den Milliardengewinnen der deutschen Fahrzeughersteller?

China und das Schlussquartal sind für viele besser gelaufen als erwartet. Vor allem aber haben die Firmen in der Pandemie eine riesige Bremsspur bei den Kosten gezogen: Reisen wurden fast auf null gedrückt, die Beraterkosten und Investitionen zusammengestrichen, Kurzarbeit hat für Kostenentlastung gesorgt. Unterm Strich sind die Ergebnisse einzelner Firmen daher besser als erwartet – in der Fläche aber längst nicht auf dem Niveau, das wir benötigen, um jetzt in die Zukunft investieren zu können.

Für wie konfliktfähig halten Sie die IG Metall in der Pandemie?

Darüber möchte ich nicht spekulieren. Es ist für uns auch nicht das entscheidende Kriterium. Für uns ist wichtig, wie konfliktfähig wir sind. Und wir sind sehr davon überzeugt, dass wir über unsere Forderungen reden müssen.

Wie groß ist die Streikgefahr – immerhin droht Ihr Pendant Roman Zitzelsberger mit Warnstreiks vom 2. März an, wenn er nicht „ganz schnell konstruktive Signale“ von Ihrer Seite erhält?

Ich gehe davon aus, dass die IG Metall kreativ genug ist, auch in dieser Zeit einen Arbeitsausstand zu organisieren – egal, in welcher Form. Wir hatten in der Vergangenheit auch schon viele Streiks, wo die Menschen einfach zu Hause geblieben sind. Dann haben sich Gewerkschaftsmitglieder in kleineren Gruppen dort versammelt, wo die Kameras waren. Und man sucht sich wirksam die Unternehmen aus, bei denen sich Streiks bundesweit gut medial verkaufen lassen. Das beeinflusst unsere Position aber nicht.

Schon für den 1. März plant die IG Metall einen bundesweiten Aktions- tag. Welche Chancen sehen Sie für eine Verständigung noch in der Frie- denspflicht?

Der Aktionstag könnte der Haupthinderungsgrund für einen schnellen Abschluss sein. Es gibt aber keinen Zwang, ihn in der Friedenspflicht hinzukriegen.

Zeichnen sich im Unternehmenskon- flikt am Daimler-Standort Untertürkheim, wo über die Konditionen für das geplante Kompetenzzentrum Elektromobilität gerungen wird, mehr Fortschritte ab?

Die Untertürkheimer sind am Ende immer zu einer Lösung gekommen – und wir machen ja auch ein gutes Angebot. Gerade dort muss sich der Betriebsrat fragen, wie man sich aktiv einbringen kann. Wir wollen der Belegschaft eine Zukunft geben, aber auch wettbewerbsfähige Strukturen aufbauen.Sie wollten dort doch längst durch sein mit den Verhandlungen.Mein Wunsch wäre, da zügig zum Ende zu kommen. Da geht es auch um Termine, bis zu denen Entscheidungen getroffen werden müssen, die dann nicht mehr abänderbar sind.

Ist eine Verständigung mit dem Betriebsrat leichter als mit der IG Metall?

Der Betriebsrat ist naturgemäß näher am Geschäft. Dem geht es um seine Arbeitsplätze. Die Gewerkschaft ist durch vielfältige Interessen und manchmal dogmatische Überlegungen etwas gefangen. Daher ist es aus meiner Sicht oft einfacher, auf Unternehmensebene eine problemorientierte Lösung zu finden, als auf Ebene der Tarifpartner.

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Volker Steinmaier

Referatsleiter Medienarbeit Print, Rundfunk und TV

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